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Zehn Fakten zur Bildungsdebatte

Autor: Prof. Christian Lager – Universität Graz:

Das Dogma vom freien Hochschulzugang gehört beseitigt – schreibt Hubert Patterer in der Kleinen Zeitung und behauptet, Universitäten könnten qualitativ nur überleben und wettbewerbsfähig bleiben, wenn sie den Zugang begrenzen und auf ihre Kapazitäten abstimmen dürfen; wenn sie mit gerechten und transparenten Instrumenten Eignung und Commitment der Bewerber ausloten könnten. WU Rektor Badelt fordert mehr Geld oder verschärfte Zugangsregelungen und Uni-Wien Rektor Winkler konstatiert: Wenn man den freien Hochschulzugang will, brauchen wir mehr Geld. Rektor Winkler hat recht, Rektor Badelt hat auch recht wenn er mehr Geld fordert und der Journalist Patterer hat unrecht. Folgende 10 Fakten sollen Licht auf die Situation des Hochschulsektors werfen.

Faktum 1: Die Unfinanzierbarkeit öffentlicher Universitäten ist ein Mythos – genauso ein Märchen wie die Unfinanzierbarkeit unseres Sozial- oder unseres Gesundheitssystems. Wir blicken zurück auf ein halbes Jahrhundert ununterbrochenen Wirtschaftswachstums – wir leben in einem der reichsten Länder – im reichsten Kontinent der Welt. Es gibt für uns nahezu nichts was nicht finanzierbar wäre – wir müssen es nur wollen. Der Kuchen ist vorhanden und er ist auch groß genug – er müsste nur anders verteilt werden. Allein der politische Wille zur Umverteilung in Richtung öffentlich finanzierter Universitäten fehlt. Die 140 Mio. €, welche dem Finanzminister durch die Einführung der Studiengebühren zugeflossen sind, hat die Schüssel/Gehrer/Grasser Regierung als unverzichtbar angesehen (viele trauern diesen Gebühren heute noch nach). Als dieselbe Regierung die Erbschafts- und Schenkungssteuer abgeschafft hat und dadurch auf exakt den gleichen Betrag verzichten konnte, hat Karl-Heinz Grasser nonchalant von Bagatellsteuer gesprochen. Soviel zur Umverteilung!

Faktum 2: Nur einige Studienrichtungen an einigen österreichischen Universitäten sind überlaufen. Dies gilt beispielsweise für das Studium der Betriebswirtschaftslehre an der WU oder in Graz oder das Studium der Psychologie oder der Publizistik an der Uni Wien. Will man hingegen technische Chemie studieren, so erwarten einen halb volle Hörsäle.

Faktum 3: Viele ausländische Studierende studieren in Österreich und viele Österreicher studieren im Ausland. Das ist gut so! Grenzenloses barrierefreies Studieren ist ein erklärtes Ziel der europäischen Integration und hilft – zumindest bei den künftigen Eliten – Xenophobie und Fremdenfeindlichkeit zu reduzieren. Sollte es dabei zu einer regionalen Ungleichverteilung der finanziellen Lasten kommen sind Ausgleichszahlungen von der EU bzw. deren Mitgliedsstaaten einzufordern. Ex-Minister Hahn hat sich geweigert das zu tun – vielleicht wollte er dadurch den Druck auf den Koalitionspartner erhöhen doch endlich wieder Studiengebühren einzuführen und dem freien Hochschulzugang abzuschwören.

Faktum 4: Sowohl die Studienanfängerquote als auch die Absolventen- bzw. Akademikerquote liegen in Österreich weit unter dem OECD-Durchschnitt. Es wäre Aufgabe der österreichischen Bundesregierung dieses bildungspolitische Defizit zu reduzieren. Daher ist – insbesondere in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und schlechten Jobaussichten für junge Menschen – der Ruf nach Zugangsbeschränkungen völlig unverständlich.

Faktum 5: Bildung lohnt sich für den Einzelnen. Österreichs Akademiker haben – auch im internationalen Vergleich – einen besonders hohen Einkommensvorteil. Österreicher, die gleich nach Abschluss der Mittelschule ein Studium beginnen und auch abschließen haben ein um 178.000 Euro höheres Lebenserwerbseinkommen als jene, die nicht studiert haben. Dieser Einkommensvorsprung der Akademiker ist in Österreich im Durchschnitt um 15% höher als in der OECD.

Faktum 6: Bildung lohnt sich für den Finanzminister. Der durchschnittliche Akademiker verdient mehr als ein Nicht-Akademiker, konsumiert mehr und bewirkt daher höhere Einnahmen aus Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen. Die durch Bildungsinvestitionen erzielbaren zusätzlichen Einnahmen übersteigen die direkten öffentlichen Bildungsausgaben. Da die höheren Einkommen in vergleichbar kürzerer Lebenserwerbszeit erzielt werden, zahlen viele Akademiker nicht nur absolut sondern auch relativ mehr Steuern. Sie zahlen dem Finanzminister nach Abschluss des Studiums die vorgestreckten Bildungssubventionen mit einer hohen Rendite zurück.

Faktum 7: Bildung lohnt sich für die Wirtschaft. Universitäten verursachen signifikante Standortvorteile. Sie produzieren Humankapital in Form von gut ausgebildeten Absolventen und späteren Mitarbeitern. Universitäre Forschung konnte sich bislang den „Luxus“ der Grundlagenforschung leisten, legte damit die Basis für die anwendungsorientierte Forschung und förderte unmittelbar einsetzbare und ökonomisch rentable Innovationen. Universitätsinstitute mit ihrer öffentlich finanzierten personellen und technischen Ausstattung sind begehrte Partner für die private betriebliche Forschung. Eine rezente Studie des WIFO zeigt, dass Hochschulen eine Verdopplung der unternehmerischen Patentanmeldungen bewirken. Nicht ohne Grund hat die Industrie ein großes Interesse an der Entwicklung der Universitäten – nicht ohne Grund sitzen in den Universitätsräten überproportional viele Industrielle und stellen meist die Vorsitzenden. Während Akademiker für ihre Ausbildung bezahlen müssen (Verdienstentgang während des Studiums, überproportional höhere Steuerleistung) nutzt die Industrie die Standortvorteile völlig ohne Gegenleistung. Dies ließe sich beispielsweise durch einen „Bildungsaufschlag“ auf den ohnehin viel zu niedrigen Körperschaftssteuersatz ganz leicht korrigieren. Und wenn die Wirtschaftslobby die Forderung nach mehr Praxisbezug stellt und „Employability“ in die Bologna-Erklärung hineinreklamiert hat, dann soll die Industrie auch bezahlen.

Faktum 8: Bildung lohnt sich für die Gesellschaft. Wissenschaft und Forschung fördert den technischen Fortschritt, die Wettbewerbsfähigkeit, die Einkommen und reduzieren die Arbeitslosigkeit. Besser Ausgebildete sind leichter vermittelbar und sind weniger häufig und weniger lange arbeitslos. Akademiker leben im Durchschnitt bewusster, gesünder und länger. Gebildete Menschen sind (zumeist) aktivere Demokraten, mündigere und weiser Wähler und sind – vielleicht nicht immun – aber doch weniger leicht anfällig für soziale Irrlehren und Dummheiten wie Rassismus, Faschismus, Sozialdarwinismus oder ungehemmte Marktwirtschaft.  Diese externen Erträge, die nicht nur den unmittelbaren Nutznießern, den Akademikern, sondern der gesamten Gesellschaft zu gute kommen, gelten bei den meisten Ökonomen als rationales Argument für öffentlich finanzierte Universitäten. Allerdings ist das Verhältnis von externen und internen Erträgen nicht bei allen Studienrichtungen gleich. Wenn man schon meint auf Studiengebühren nicht verzichten zu können, dann sollte diese Ungleichheit auch berücksichtigt werden.

Faktum 9: Die Wirtschaftswissenschafter kennen diese Fakten und raten den Politikern zu entsprechenden Maßnahmen. So fordert das Wirtschafsforschungsinstitut schon seit langem, die Ausgaben für Forschung und Bildung anzuheben. Derartige Ausgaben hätten eine doppelte und dreifache Rendite: Erstens stimulieren sie die Nachfrage und damit die Produktion, das Einkommen und die Beschäftigung und sind eine sofort wirksame Maßnahme zur effizienten Bekämpfung der Wirtschaftskrise. Zweitens stimulieren sie den technischen Fortschritt, den Standort und die Wettbewerbsfähigkeit und haben dadurch einen positiven Einfluss auf das längerfristige Wachstum der Wirtschaft.

Faktum 10: Die Bundesregierung kennt die Ratschläge der Wirtschaftsforscher und ignoriert sie. Vielmehr handelt sie konträr zu diesen und saniert das Budget voreilig und vorwiegend ausgabenseitig. Zwar ist geplant die Etats für Bildung und Forschung der Ministerinnen Schmied und Karl vergleichsweise gering zu beschneiden – doch von einer Erhöhung der Bedarfszuweisungen an die Universitäten können Rektoren, Professoren und Studierende nur träumen. Die öffentlichen Hochschulen werden ausgehungert, der freie Hochschulzugang wird fallen und durch Studiengebühren und Aufnahmebedingungen und -tests reglementiert. Und die, die es sich leisten können, werden ohne weitere Hürden und Schwierigkeiten an kleinen, feinen Elite-Universitäten studieren dürfen.

 
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