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Brief an die Direktorin der Privaten Höheren Lehranstalt u. Fachschule f. wirtschaftliche Berufe, St. Johann im Pongau, vom 28. Juni 2010

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Sg. Frau

Prof. Mag.a Christina Röck

Direktorin der Privaten Höheren Lehranstalt u. Fachschule f. wirtschaftliche Berufe

Alte Bundesstraße 12

5600 St. Johann im Pongau

Sprachregelung, Menschenrechte und Glauben

Sehr geehrte Frau Prof. Mag. Röck !

Da „Ihre“ Schule österreichweit Schlagzeilen gemacht hat, werden Sie sicher in diesen Tagen viel Post erhalten haben. Viel ist auf Sie eingestürmt. Wir erwarten uns daher keine prompte Antwort von Ihnen, da Sie zurzeit auch mit den zahlreichen Verpflichtungen zu Schulende beschäftigt sind.

Den Medienberichten war zu entnehmen, dass an Ihrer Schule 400 SchülerInnen unterrichtet werden, 16, also 4 Prozent davon, sprechen zwar fließend Deutsch, haben aber nicht Deutsch als Muttersprache. Trotzdem soll es an Ihrer Schule eine „Hausordnung“ geben, die vorschreibt, dass auch auf dem Schulhof und in der Pause ausschließlich Deutsch gesprochen werden darf. Demnach wäre jede kleine Äußerung auf Serbisch/Kroatisch oder Türkisch, ein “Dobar dan!“, ein “Gün aydin!“, zwischen diesen 16 SchülerInnen verboten.

Sie stehen einer katholischen Privatschule (mit Öffentlichkeitsrecht) mit einem bemerkenswerten Lehrangebot für junge Frauen vor, neben Wirtschaftsgeografie, Volks- und Betriebswirtschaft, Recht und politischer Bildung beeindruckt besonders das große Fremdsprachenangebot, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch. Ihre entschieden moderne EU-Orientierung ist daran abzulesen. Wie Sie wissen, war Serbokroatisch in der k.u.k. Monarchie eine „österreichische“ Sprache. Die lebendigen Kulturen dieses Raumes sind international bekannt geworden und bilden heute einen wichtigen Bestandteil der Weltkultur (Nobelpreise für Literatur: Ivo Andric 1961, Orhan Pamuk 2006).

Umso befremdlicher ist die menschenrechtlich fragwürdige „Regelung“ Ihrer Anstalt, dass die trotzdem geringer geschätzten Sprachen Serbisch/Kroatisch/Bosnisch und Türkisch bei den kurzen „Privat“-Gesprächen Ihrer wenigen „ausländischen“ SchülerInnen von Ihnen untersagt werden. Abgesehen davon, dass Sie damit rechtlich bedenklich in die Privatsphäre Ihrer SchülerInnen eindringen, ist auch die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit dieser Entscheidung zu hinterfragen. Die Türkei z.B. ist ein vitaler Markt mit enormen Steigerungsraten von ca. 17 % jährlich. Doppelsprachige MediatorInnen, die professionell zwischen Türkisch und Deutsch hin und her wechseln können, werden in Zukunft auch im Bundesland Salzburg gebraucht werden.

Dass hinter Ihrer Entscheidung eine konservative oder rein pro-katholische, schlimmstenfalls anti-islamische Haltung steht, möchten wir nicht annehmen. In Zeiten des um sich greifenden Atheismus und Werteverlustes sind alle Buchreligionen Verbündete, was durch die Besuche des Heiligen Vaters in Damaskus/Syrien, in Istanbul/Türkei und in Jerusalem eindrucksvoll unterstrichen wurde. Wir erinnern in diesem Zusammenhang auch an die inter-religiösen Treffen in Assisi, bei denen dieser Gedanke für die gläubige Welt treffend formuliert wurde.

Wie alle katholischen „Privatschulen“ bezieht auch die Ihre öffentliche Subventionen zur Zahlung der LehrerInnengehälter. Die Republik Österreich hat mehrere Menschenrechtskonventionen unterschrieben, die das Recht auf Privatheit und das Recht auf Bewahrung der Muttersprache beinhalten. Ihre für diese Fächer zuständigen Pädagogen Dr. Paier und Dr. Schwarzmann haben die betreffenden Dokumente sicher bei der Hand.

Ihre Schule wurde nach der Heiligen Elisabeth von Thüringen benannt. Sie geriet in Konflikt mit Konrad von Marburg, weil sie sich um die Niedrigsten und Schwächsten bemühte, um die, die in ihrer Gesellschaft am Rande standen. Wir vertrauen daher auf Sie als Pädagogin und Christin, dass Sie die inhumanen Regeln der Hausordnung des Elisabethinums im Sinne einer modernen europäischen Pädagogik und in der Haltung christlicher elisabethinischer Nächstenliebe dahingehend ändern, dass es auch in St. Johann im Pongau keine SchülerInnen mehr gibt, denen der Gebrauch ihrer Muttersprache in der Pause verboten wird.

Mit freundlichen Grüßen,

Trautl Brandstaller

Eva Brenner

Erich W. Dittrich

Peter Fleissner

Leo Gabriel

Eva Hruby

Peter Kreisky

Viktoria Kriehebauer

Ulrike Kruh

Christian Lager

Birgit Rosenberger

Stefan Schandl

Friedrich Schiller

Rainer Sommer

Ecke Weiß

 
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